Wenn ein Fass den Weg zum Olymp versperrt …
Bei den Proben für die „Götterolympiade“
Ein großes Fass rumpelt durch die Gänge der Schule Richtung Sporthalle. Schwer ist es. Sehr schwer sogar. Zwei Lehrkräfte schieben es mit vereinten Kräften vor sich her. Zentimeter für Zentimeter rollt es über den Boden. Ein leicht modriger Geruch steigt in die Nase.
Später soll dieses Fass einmal Teil des Bühnenbildes sein – in der Szene des Dionysos, des Gottes der guten Laune, der Feste und der ausgelassenen Feiern. Doch im Moment stellt sich erst einmal eine ganz praktische Frage: Wie bekommt man so ein schweres Ding eigentlich auf die Bühne?
Bevor sich Frau Hingst weiter den Kopf über dieses Problem zerbrechen kann, heißt es erst einmal: Szenenprobe für Hera, Zeus und die Erzähler. Nicht nur der Text muss sitzen. Auch die Wege auf der Bühne werden genau festgelegt. Wer steht wann wo? Wer geht wohin? Nur so kommt sich später in der Aufführung niemand in die Quere.
Also noch einmal von vorne. Und noch einmal. Beeindruckend, wie schnell sich die Kinder jedes Detail einprägen. So langsam wachsen die Schülerinnen und Schüler der Klasse 4 immer mehr in ihre Rollen hinein. Spätestens wenn in den nächsten Tagen die Kostüme dazukommen, wird aus einem Kind mit Holzschwert ein echter Ares mit kriegerischer Körperspannung. Und Zeus als Göttervater kann gar nicht anders, als mit erhobener Stimme und würdevoller Haltung die ganze Halle zu füllen.
„Man könnte ein Rollbrett unter das Fass machen und mit Efeu verdecken …“, überlegt Frau Hingst plötzlich laut. Ideen entstehen bei solchen Proben oft ganz nebenbei. Sie werden ausprobiert, verworfen, verändert und manchmal spontan wieder aufgegriffen.
Vor der Pause sind noch die Apoll-Darsteller dran. Sie üben ihre Lichtperformance. Zum Glück hat der Techniker gestern die Scheinwerfer ans Lichtpult angeschlossen. Frau Hingst dimmt das Licht herunter, während Herr Werner den Kindern noch einmal die Bewegungen mit den leuchtenden Kugeln zeigt.
„Kannst du das Mikro für den Sologesang in die andere Hand nehmen? Dann ist der andere Arm frei für die passende Geste.“ Ausprobiert. Klappt. Im Dunkeln sehen die leuchtenden Kugeln aus, als würden sie fast schwerelos durch den Raum schweben. Ein kurzer Moment, in dem man schon erahnen kann, wie beeindruckend das später innerhalb der Vorstellung wirken wird.
Jetzt ist Athene an der Reihe. Die Göttin der Weisheit erhält ein wichtigstes Requisit: ein riesiges Periodensystem auf Pappe. Zwei Kinder tragen es vorsichtig auf die Bühne – zu zweit geht es einfach besser.
Athene selbst hat einen übergroßen Stift in der Hand. „Der muss ein bisschen höher gehalten werden“, erklärt Frau Hingst. „So sieht das gleich viel schlauer aus.“ Und tatsächlich: Plötzlich wirkt es genau richtig. Athene erklärt mit großer Ernsthaftigkeit ihre Gedanken – und die Mitspieler reagieren darauf mit herrlich übertriebener Mimik. Staunen, Verwirrung, ehrfürchtiges Nicken. Es ist köstlich anzusehen. Schon jetzt kann man sich lebhaft vorstellen, wie das Publikum später auf diese Szene reagieren wird.
Währenddessen steht das große Fass weiterhin etwas verloren vor der Bühne. Ein bisschen im Weg. Niemand weiß so recht, wohin damit – aber irgendwie gehört es inzwischen schon fast zur Probe dazu.
Nun ist Ares an der Reihe. Der Kampfgott bekommt natürlich auch eine Kampfszene – und die hat es in sich. Während des Liedes gibt es eine eigene Choreografie. Gerade im Refrain muss alles punktgenau auf den Rhythmus passen.
Und dann kommt der Clou: In dem Musikstück wird tatsächlich gekämpft. Natürlich nicht wirklich. Aber es soll so aussehen. Damit das später nicht wie ein wildes Durcheinander wirkt, wird jede Bewegung genau geprobt. Schläge dürfen nicht gefährlich sein – sie müssen nur überzeugend wirken. „Die Reaktion des Getroffenen ist viel wichtiger als der Schlag selbst“, erklärt Herr Werner. „Wenn du dich kraftvoll zurückwirfst, kann man die Schlagkraft deines Gegners erahnen, ohne dass er dich wirklich trifft.“
Zur Demonstration treten Frau Hingst und Herr Werner selbst auf die Bühne und spielen die Szene kurz vor. Ein „echter“ Kampf zwischen zwei Lehrkräften. Die Kinder jubeln und lachen.
Pause. Alle raus auf den Schulhof. Kaum zu glauben: die Sonne scheint. Der Frühling ist da. Drinnen in der Halle dagegen bleibt es Kunstlicht. Eine kleine Welt für sich.
Während die Kinder draußen frische Luft schnappen, besprechen Frau Hingst und Herr Werner den Platz für die Wolken im Bühnenbild. Einige sollen an der Seitenwand hängen, andere direkt vor der Bühne. Schließlich spielt das Stück größtenteils auf dem Olymp – hoch über den Menschen. Wenn alles richtig platziert ist, wirkt es später tatsächlich so, als würde sich das Geschehen über den Wolken abspielen.
Nach der Pause wird es ernst: erste richtige Durchlaufprobe. Das ganze Stück einmal von Anfang an. Alle bereiten sich vor. Schwerter werden bereitgelegt. Die Krüge für Dionysos stehen an ihrem Platz. Nur das große Fass steht noch immer mitten im Weg – als würde es geduldig darauf warten, endlich selbst seinen Auftritt zu bekommen.
„Was wäre, wenn die feiernde Gesellschaft einfach fröhlich um das Fass herumtanzt?“, schlägt Herr Werner vor.
Die Musik setzt ein. Die Erzähler beginnen. Vieles klappt schon erstaunlich gut. Während die Kinder spielen und singen, macht Herr Werner sich eifrig Notizen. Frau Hingst zeigt hier und da noch kleine Verbesserungen: Bewegungen müssen größer sein, damit auch die letzte Reihe alles sehen kann. Und ganz wichtig: niemals mit dem Rücken zum Publikum stehen.
Noch zehn Minuten. Den ganzen Durchlauf schaffen wir heute nicht mehr. Zum Abschluss dürfen noch einmal alle auf die Bühne. Das schmissige Finale steht auf dem Programm. Die Bewegungen sitzen noch nicht ganz, also macht Herr Werner sie vor der Bühne einmal zur Musik vor. Dann sind die Kinder dran. Die Musik läuft. Lautstark singen alle mit. Fröhliche Gesichter, viel Energie – und plötzlich wirkt die Bühne voller Leben. Wenn alle Kinder gemeinsam singen und sich bewegen, sieht das jetzt schon nach einem echten Höhepunkt aus.
Es klingelt. Schulschluss. Der Bus wartet schon. Mit einem kleinen Ohrwurm im Kopf verlassen die Kinder die Bühne. Morgen geht es weiter. Dann muss das Fass irgendwie auf die Bühne kommen, damit auch die Dionysos-Szene geprobt werden kann.
Jetzt heißt es noch: schwarzen Samt vor die Löcher in den Soffitten hängen, die Tücher für den Aphrodite-Tanz zuschneiden, eine musikalische Reprise für die Ares-Szene am Computer schneiden – und das passende Donnergeräusch für Zeus muss noch schnell auf Herrn Werners Handy geladen werden, von dem später alle Musik- und Geräuscheinspielungen kommen. Feierabend? Vielleicht später.
Denn eines ist klar: Wenn morgen die Proben wieder beginnen, soll alles bereit sein. Nur noch wenige Tage bleiben. Ein oder zwei Durchläufe noch. Am Mittwoch kommt der Chor dazu. Am Donnerstag ist Technikprobe. Und am Freitag die Generalprobe vor der ganzen Schule. Spätestens dann sollte alles klappen.
Und irgendwo dort vor der Bühne steht noch immer dieses große Fass. Ein bisschen verloren. Ein bisschen im Weg. Aber wer weiß? Vielleicht steht genau dieses Fass schon bald mitten auf dem Olymp. Und dann beginnt das Fest erst richtig...
Text/Fotos: M. Werner, 7.3.2026
Grundschule Schlamersdorf
Schulstr. 1
23823 Seedorf









